Lothar Dräger, langjähriger Autor und künstlerischer Leiter des MOSAIK

Unzählige Stunden der Spannung und des Vergnügens mit den Abenteuern der Abrafaxe sind vor allem einem Mann zu danken, der viele der uns lieb gewordenen Charaktere des MOSAIK von Anfang an maßgeblich entwickelte und mitprägte: dem am 19. Januar 1927 in Schwennenz bei Stettin geborenen Lothar Dräger. Von 1933 bis 1936 besuchte er die örtliche Volksschule in Schwennenz und anschließend bis 1945 das traditionsreiche Marienstift-Gymnasium in Sczcecin, wobei der Schulunterricht in den letzten beiden Kriegsjahren durch Drägers Einsatz als Flakhelfer stark eingeschränkt war. Von April bis September 1947 absolvierte Dräger das Klindworth-Scharwenka-Konservatorium in Westberlin und nahm anschließend ein Studium im Fach „Opernschule” an der Hochschule für Musik in Ostberlin auf. Es folgten Engagements als Opernsänger für Chor und Solo an der „Bühne der Stadt Nordhausen“ (1954–1956) und dem Hans-Otto-Theater Potsdam (1956–1957). Im Herbst 1957 nahm er seine Tätigkeit als Mitarbeiter bei der seit 1955 erscheinenden Comic-Reihe MOSAIK auf, dessen künstlerischer Leiter er von 1976 bis 1990 war.
Das Familienleben im Drägerschen Elternhaus war von der Beschäftigung mit Kultur und Kunst geprägt. Hausmusik gehörte ebenso dazu wie gemeinsame Besuche der Familie in Museen und Galerien. Von den Eltern gefördert, erschloss Dräger sich und seinen Geschwistern früh die Welt der Literatur, die vor allem Lothar später auch beruflich begleiten sollte.
1957 findet er seinen Platz im MOSAIK-Team, den er bis zur Pensionierung 1990 behält.
Doch wie gelangt ein Opernsänger eigentlich zum MOSAIK? Die offene, kritische Art Drägers brachte ihn in den Fünfzigern zunehmend in politischen Konflikt mit der Obrigkeit am Potsdamer Theater, der vor allem sein Einsatz für die Interessen der Kollegen ein Dorn im Auge war. So kam ihm eine Annonce in der Wochenzeitung Sonntag, in der man neue Künstler für das MOSAIK suchte, gerade recht.
Der damalige künstlerische Leiter des MOSAIK, Johannes Hegenbarth, und Lothar Dräger bemerkten schon bei ihrer ersten Begegnung im Frühjahr 1957 in Berlin-Lichtenberg ein übereinstimmendes Interesse an römischer Geschichte. Dräger hatte schließlich eine klassische humanistische Bildung erfahren. Die Schriften von Vergil oder Horaz, Tacitus oder Julius Cäsar waren ihm so im Originaltext früh vertraut. Man wollte die monumentalen Filmbilder der „Sandalenschinken” der Fünfziger mit in prächtigen Kostümen und üppiger Ausstattung schwelgenden Massenszenen grafisch im Comic umsetzen. Dräger präsentierte bei diesem ersten Treffen seine Zeichnungen und Parodien aus dem Potsdamer Theaterspiegel, einer von ihm in Bild und Text gestalteten Zeitung. Drägers zukünftiger Chef erkannte mit sicherem Blick dessen künstlerische, insbesondere erzählerische, Qualitäten. Schon am Ende jener ersten Unterredung stand laut Dräger die Abmachung, dass der Sänger seinen bereits für die nächste Spielzeit abgeschlossenen Vertrag lösen und ab September 1957 als Text- und Ideenmitarbeiter beim MOSAIK beginnen sollte.
Seine ersten MOSAIK-Weihen erfuhr der nunmehrige Ex-Sänger in den letzten Heften der Robinsonade der Digedags (er dichtete sogar ein Lied für ein weinendes Krokodil) und der Rom-Serie. MOSAIK gestaltet sich nach der Aufnahme von Drägers Tätigkeit zunehmend zu einem Puzzle aus Hunderten und Aberhunderten versteckter, zu entschlüsselnder Anspielungen und Zitate. Bis 1976 blieb der Name Lothar Drägers für die Mehrzahl der MOSAIK-Leser allerdings völlig unbekannt. Nichtsdestotrotz prägte Dräger mit seiner klassischen Bildung und seinem enzyklopädischen Wissen, gepaart mit urwüchsigem Humor, seit den Fünfzigern als Dramaturg und Texter (seine „Ritterregeln” wurden legendär) das Bild des Comics an entscheidender Stelle. Stets nutzte er beim Austüfteln spannender Geschichten seine exzellenten Kenntnisse der deutschen und internationalen Abenteuerliteratur aller Gattungen und Zeitalter.
Nach der Trennung des bis dato künstlerischen Leiters vom Verlag Junge Welt übernahm Dräger 1976 die künstlerische Leitung des Comics. Gemeinsam mit der Grafikerin Lona Rietschel schuf Lothar Dräger die drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax. Der den meisten Lesern bis dahin völlig unbekannte Dräger trug von 1976 bis 1990 nunmehr die gesamte künstlerische Leitung des Comics.
Als Dräger das Theater – durchaus nicht konsequent und für immer – 1957 verlassen hatte, fand er in der Redaktion des MOSAIK ein Refugium, das ihm gestattete, noch ungezwungener mit kulturellen, vor allem literarischen, Erlebnissen aus Kindheit und Jugend zu experimentieren. Es kann wohl kaum ein Zufall genannt werden, dass nach der Übernahme der künstlerischen Leitung des MOSAIK durch Dräger die ersten beiden Jahrgänge der Abenteuer der Abrafaxe, also 1976 und 1977, einem Theaterthema, nämlich der Entstehung der Commedia dell´ arte gewidmet sind. Die 24 Hefte umfassende Serie ist selbst wie ein Theaterstück angelegt: So sieht man im ersten ganzseitigen Bild den schon bühnenkostümierten Harlekin, der mit einem Zeigestock auf die auf einen Vorhang – eine der Errungenschaften dieser Theaterform – gemalten Haupthelden der italienischen Komödie weist und dazu ins Publikum, also zu den Lesern gewandt, in die geplante Rahmenhandlung kommender Jahre einführt.
Im Jahr 1990 zog sich Lothar Dräger in den verdienten Ruhestand zurück. Doch Drägers Leben änderte sich nach seiner Pensionierung nicht wesentlich. Die Themenvielfalt des MOSAIK hatte sein Interesse an einigen Gebieten, z.B. byzantinischer und englischer Geschichte oder Seefahrt, verstärkt und angespornt, weitere Informationen zu sammeln. Dazu unternahm er auch zahlreiche Reisen – u.a. nach Großbritannien und in die USA, die ihm während der DDR-Zeiten verschlossen waren. Nach über drei Jahrzehnten als Comic-Autor war es ihm auch nach seiner Pensionierung nahezu unmöglich, etwas nicht durch die „MOSAIK-Brille” wahrzunehmen. Und so entstanden dann drei Romane, in denen ein gealterter Ritter Runkel neue Abenteuer bestehen muss. Alljährlich war Lothar ein gern gesehener und dicht umschwärmter Gast beim Tag der offenen Tür in der MOSAIK-Redaktion. Sein 85. Geburtstag in der Lindenallee war ein rauschendes Fest, sein 90. im nächsten Januar hätte es auch werden sollen. Nun ist Lothar am 9. Juli 2016 in Potsdam gestorben.

(Der ungekürzte Text zur Biographie von Lothar Dräger von Thomas Kramer ist im MOSAIK Sammelband 6 "Auftritt der Komödianten" nachzulesen.)
 

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Pressezitate

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Das MOSAIK macht nicht bloß Spaß, sondern auch schlau!

Märkische Allgemeine 06.04.2013

Die erfolgreichsten deutschen Comics [...]

Lausitzer Rundschau 22.03.2013

Wahrheitsgehalt, Weltbild, Werte: Dafür war das Mosaik lange nicht für voll genommen worden. Jetzt werden sogar die künstlerischen Einflüsse gewürdigt.

Die Welt 26.04.2014